Mittelstand – was ist das eigentlich?

Abgeschlossenes Forschungsprojekt

Ausgangslage/Problemstellung

Dem Mittelstand kommt für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland eine herausragende Bedeutung zu. "Flink, hungrig und global", so beschrieb die Businessweek deutsche Mittelständler. Zur Abgrenzung des Mittelstands wird neben quantitativen Definitionen, die sich nach Beschäftigtenzahl und Umsatz richten, primär die enge Verbindung von Unternehmen und Inhaber herangezogen (vgl. Wolter/Hauser 2001). Diese spiegelt sich idealtypisch in der Einheit von Eigentum und Haftung sowie in der Verantwortlichkeit der Unternehmerperson/en für die Unternehmensleitung und alle unternehmensrelevanten Entscheidungen wider. Ergänzend wird das Kriterium der völligen oder zumindest weitgehenden Konzernunabhängigkeit genannt (vgl. BMWi 1993). Dazu kommen in der Forschung vielfach diskutierte sekundäre Merkmale des Mittelstands wie Besonderheiten des Finanzierungsverhaltens und der Innovationstätigkeit, der betrieblichen Organisation, des strategischen Managements, die regionale Verankerung, die emotionale Bindung an das Unternehmen sowie seine Langlebigkeit als Familienunternehmen (vgl. Berghoff 2006).

Im Zuge des Strukturwandels, insbesondere mit den tiefgreifenden Veränderungen in der industriellen Produktion und in den Strukturen der Erwerbsarbeit, wandeln sich jedoch die herkömmlichen Unterschiede zwischen großen, mittleren und kleinen Unternehmen grundlegend. Zugleich differenziert sich die Unternehmenslandschaft sektoral und größenmäßig weiter aus. So sind vor allem mit Blick auf die sekundären Merkmale zum Teil stärkere – größen- und branchenbezogene – Unterschiede zwischen den kleinen und mittleren Unternehmen festzustellen als zwischen mittleren und großen Unternehmen (vgl. Welter 2003).

Das wirft die Frage auf, inwieweit die heutige Abgrenzung des Mittelstands wie auch der Familienunternehmen noch zeitgemäß ist. Dahinter steht gleichzeitig die Frage nach einer modernen Mittelstandspolitik.

Forschungsziel/Vorgehensweise

Hier setzt das vorgeschlagene Projekt an. Ziel ist es, die Abgrenzung des Mittelstands einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Folgende Forschungsfragen sollen untersucht werden:

  • Muss die Operationalisierung der primären qualitativen Merkmale des Mittelstands (Einheit von Eigentum/Haftung/Leitung) weiter oder enger gefasst werden, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Ausdifferenzierung der Unternehmenslandschaft sowie sich ändernder rechtlicher Rahmenbedingungen (neue Rechtsformen)? Welche quantitative Bedeutung hat das Merkmal der Konzernabhängigkeit – werden kleinere Mittelständler möglicherweise systematisch überschätzt?
  • Ist die - implizite - Gleichsetzung von (größerem) Mittelstand und Familienunternehmen noch sachgerecht? Wie sollten Familienunternehmen von (größerem) Mittelstand abgegrenzt werden?
  • Lassen sich sekundäre qualitative Merkmale in der Unternehmensführung und im unternehmerischen Verhalten identifizieren, die den heutigen Mittelstand in Deutschland auszeichnen, auch im internationalen Vergleich? Gibt es innerhalb des Mittelstandes sektorale oder branchenbezogene, größen- und geschlechtsspezifische Unterschiede im unternehmerischen Verhalten? Lässt sich ein Zusammenhang zwischen diesen qualitativen Merkmalen, dem institutionellen Umfeld und der Unternehmensentwicklung feststellen?
  • Welche Schlussfolgerungen lassen sich für eine moderne Mittelstandspolitik ableiten? Wie lässt sich diese theoretisch rechtfertigen?

Diese Fragestellungen sollen auf der Grundlage einer Literaturstudie sowie von empirischen Analysen bearbeitet werden. Als Datenquelle für statistische Auswertungen wird vor allem das Unternehmensregister herangezogen. Die statistischen Auswertungen werden im Jahr 2013 durch eine Literaturstudie, Expertengespräche und Fokusgruppen mit Unternehmern, Wissenschaftlern und Vertretern der Politik wie relevanter Verbände ergänzt. Im Jahr 2014 soll eine eigene Unternehmensbefragung stattfinden, mit Fokus auf den in der Literatur identifizierbaren Merkmalen mittelständischer Unternehmensführung, der Unternehmensorganisation und -kultur sowie dem Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen für die Entwicklung mittelständischer Unternehmen.

  • Aktuelle Veröffentlichung
  • Weitere Veröffentlichungen
Mittelstand zwischen Fakten und Gefühl

Welter, F.; May-Strobl, E.; Holz, M.; Pahnke, A.; Schlepphorst, S.; Wolter, H.-J.; unter Mitarbeit von Kranzusch, P. (2015): Mittelstand zwischen Fakten und Gefühl, IfM Bonn: IfM-Materialien Nr. 234, Bonn.

Welter, F.; May-Strobl, E.; Wolter, H.-J. unter Mitarbeit von Günterberg, B. (2014): Mittelstand im Wandel, in: IfM Bonn, IfM-Materialien Nr. 232, Bonn.

Welter, F.; May-Strobl, E.; Schlömer-Laufen, N.; Kranzusch, P.; Ettl, K. (2014): Das Zukunftspanel Mittelstand – Eine Expertenbefragung zu den Herausforderungen des Mittelstands, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): IfM-Materialien Nr. 229, Bonn.

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