Die Einkommenssituation von Selbstständigen und die Inanspruchnahme staatlicher Leistungen auf Basis des SGB II

Abgeschlossenes Forschungsprojekt

Ausgangslage/Problemstellung

Seit einigen Jahren erregen Berichte über das sog. "working poor" große Aufmerksamkeit. Mit working poor wird eine Einkommenssituation abhängig Beschäftigter unterhalb der Armutsgrenze beschrieben (vgl. z.B. RHEINE 2009, BRUCKMEIER et al. 2008). In Deutschland zählten 2010 durchschnittlich rund 3,7 % der abhängig Erwerbstätigen zu der Gruppe der sog. "Aufstocker", d. h. zu den abhängig Beschäftigten, die zusätzlich zu ihrem Arbeitseinkommen noch Arbeitslosengeld II beziehen. Weniger Aufmerksamkeit hat in diesem Zusammenhang der Umstand gefunden, dass auch 2,9 % der 4,259 Mio. Selbstständigen aufstockende Grundsicherung zu ihrem Einkommen aus Selbstständigkeit beziehen.

Eine erste deskriptive Auswertung des IfM Bonn zeigt, dass die Anzahl der aufstockenden Selbstständigen stetig gestiegen ist. Von 2005 bis 2010 hat sich die Anzahl der selbstständigen ALG II-Bezieher mehr als verdreifacht. Die Anzahl der abhängig beschäftigten ALG II-Bezieher ist hingegen "nur" um 68 % angestiegen. Damit hat auch der Anteil der Selbstständigen an den Personen in der Grundsicherung zugenommen. Die Gründe für diese Entwicklung sind noch nicht weiter erforscht. Nicht auszuschließen ist, dass die Förderung von Gründungen aus der Arbeitslosigkeit einer der Gründe ist. Denkbar ist aber auch, dass die Tertiarisierung, insbesondere der Trend in die sog. Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihren niedrigen Markteintrittsschwellen, den Wettbewerbsdruck auf dem Gesamtmarkt erhöht hat, sodass vermehrt Selbstständige in den Dienstleistungen, insbesondere in den freien und künstlerischen Berufen, auf staatliche Hilfe angewiesen sein könnten.

Ziel des Projektes

Das vorgeschlagene Forschungsprojekt richtet sein Augenmerk auf Selbstständige in der Grundsicherung mit dem Ziel, grundlegende Informationen über diese Gruppe der Selbstständigen zu gewinnen. Im Zentrum der Analyse stehen dabei deren Einkommenssituation und weitere, vor allem soziodemografische Charakteristika. Konkret sollen anhand eines Scientific-Use-Files des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dem "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung" (PASS), folgende Fragen beantwortet werden:

  1. Welche soziodemografischen und erwerbsbiografischen Merkmale weisen die Selbstständigen in der Grundsicherung auf? Inwieweit unterscheiden sie sich von den übrigen Selbstständigen sowie den abhängig Beschäftigten in der Grundsicherung?
  2. Ist die Hilfebedürftigkeit der selbstständigen Arbeitslosengeld II-Bezieher kurzfristiger Art, z. B. in der Aufbauphase ihrer Selbstständigkeit, wo Anlaufverluste als typisch gelten, oder nimmt die Dauer des Leistungsbezugs zu?
  3. Welche Probleme bestehen unter den Selbstständigen in der Grundsicherung, so dass die staatliche Hilfe langfristig bezogen werden muss?
  4. In welchem Maße tragen Einkünfte aus der Selbstständigkeit dazu bei, die Hilfebedürftigkeit zu reduzieren?

Neben deskriptiven Statistiken sollen multivariate Analysemethoden, die das Zusammenspiel der verschiedenen individuellen Charakteristika trennscharf analysieren können, bei der Beantwortung dieser Fragen angewendet werden.

  • Aktuelle Veröffentlichung
  • Weitere Veröffentlichungen
Erwerbsarmut von Selbständigen – Spielt das Geschlecht eine Rolle?

Pahnke, A.; May-Strobl, E.; Schneck, S. (2014): Erwerbsarmut von Selbständigen – Spielt das Geschlecht eine Rolle? In: Gather, C.; Biermann, I.; Schürmann, L.; Ulbricht, S.; Zipprian, H. (Hrsg.): Die Vielfalt der Selbständigkeit – Sozialwissenschaftliche Beiträge zu einer Erwerbsform im Wandel, HWR Berlin Forschung 58/59, Berlin: edition sigma, S. 63-84.

Pahnke, A.; May-Strobl, E.; Schneck, S. (2014): Die Einkommenssituation von Selbstständigen und die Inanspruchnahme staatlicher Leistungen auf Basis des SGB II, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): IfM-Materialien Nr. 226, Bonn.

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