Mehr unternehmerische Vielfalt

21.03.2019

Round Table Mittelstand: Qualität der Gründungen ist wichtiger als die Quantität

"Genau heute vor 100 Jahren wurde das Wirtschaftsministerium in Deutschland gegründet. In dieser Zeit hat sich das Unternehmertum stark verändert. Vor allem die zunehmende Tertiarisierung und die Digitalisierung haben zu einer Vielfalt an unternehmerischen Formen geführt – auch zu prekären. Trotzdem bietet diese Vielfalt den Menschen heute jedoch mehr Chancen zur Selbstentfaltung – ganz im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft", mit diesem Statement eröffnete Prof. Dr. Friederike Welter (IfM Bonn/Universität Siegen) heute in Berlin die Diskussion des Round Table Mittelstands über das Thema "Unternehmertum – zwischen Prekariat und Zukunft". Zuvor hatte Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Mittelstandsbeauftragter der Bundesregierung, die Teilnehmer des Round Table Mittelstand – Wissenschaftler verschiedener Forschungsinstitute sowie Vertreter von Wirtschaftsverbänden – mit einem engagierten Plädoyer für mehr Unternehmertum in Deutschland begrüßt: "Wir brauchen wieder mehr kreative und mutige junge und ältere Menschen, die Begeisterung für den Unternehmerberuf aufbringen. Gründerinnen und Gründer halten die Wirtschaft in Schwung. Um Unternehmensgründungen in jeder Phase zu stärken und zu unterstützen und nicht zuletzt um dem Unternehmertum die oft vermisste Wertschätzung zurückzugeben, hat Minister Altmaier im vergangenen Herbst die Gründungsoffensive gestartet."

Nach Untersuchung von Moritz Lubczyk, ZEW Mannheim, motivieren aktuell vor allem konkrete Geschäftsideen sowie der Wunsch nach freibestimmten Arbeiten Erwerbstätige, sich selbstständig zu machen. Besonders häufig gingen dabei ehemals leitende Angestellte den Weg in die Selbstständigkeit. Bei arbeitslosen Menschen steht hingegen der Wunsch, wieder erwerbstätig zu sein, an oberster Stelle – gefolgt von der Geschäftsidee. Können Erwerbstätige mit ihrer Selbstständigkeit nicht das notwendige Einkommen erzielen, spielen nach Untersuchungen von Dr. René Leicht, ifm Universität Mannheim, vor allem Wissen und Bildung eine Rolle, aber auch die Herkunft: "Rund ein Viertel aller Selbstständigen mit Migrationshintergrund arbeitet unter prekären Verhältnissen. Dabei handelt es sich insbesondere um einfache Tätigkeiten im Handel und Gastgewerbe, um Frauen oder um sehr junge Unternehmen. Andererseits bestimmen aber auch zunehmend viele hochgebildete Zugewanderte das Gründungsgeschehen in Deutschland."

Betrachtet man alle Selbstständigen, so lässt sich sowohl eine deutliche Einkommenslücke zwischen den Solo-Selbstständigen und den Selbstständigen mit Beschäftigten feststellen als auch zwischen Solo-Selbstständigen und abhängig Beschäftigten: "Wichtige Ausnahmen sind Solo-Selbstständige, die nur über ein Abitur verfügen, aber keine weitere Ausbildung gemacht haben, sowie Solo-Selbstständige am oberen Ende der Einkommensverteilung. Diese Gruppen erwirtschaften deutlich mehr als abhängig Beschäftigte", berichtet Prof. Dr. Alexander Kritikos (DIW Berlin). Ganz anders sehe es bei Solo-Selbstständigen mit tertiärer Ausbildung aus. Dennoch würden auch sie nicht in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis wechseln. "Für sie dürfte der nicht-monetäre Nutzen aus dieser Erwerbsform eine zentrale Rolle spielen“, resümierte Prof. Dr. Alexander Kritikos.

Einen unbürokratischeren Start für Unternehmensgründer und Betriebsnachfolger forderte Rolf Papenfuß (Zentralverband des Deutschen Handwerks) von der Wirtschaftspolitik. Dabei hob er hervor, dass zwar auch im Handwerk die Gründungszahlen zurückgingen, die Qualität aber dafür steige: "Handwerker, die sich heute selbstständig machen, sind besser qualifiziert und auf ihr Gründungsvorhaben vorbreitet als früher. Diese Entwicklung gilt es zu fördern", so der ZDH-Referatsleiter. Auch hinsichtlich der Arbeitsplätze, die durch Gründungen geschaffen werden, wünscht sich Prof. Dr. Jörn Block (Universität Trier) mehr Fokus auf Qualität als auf Quantität. Mit neugegründeten Unternehmen verbindet die Wirtschaftspolitik in der Regel eine Vielzahl an neu geschaffenen Arbeitsplätzen. Dies sei jedoch zum Teil auch eine Illusion: Nur wenige Gründungen würden wirklich in hohem Maße neue Arbeitsplätze  schaffen. Außerdem seien viele der Arbeitsplätze, die durch Gründungen geschaffen werden, von vergleichsweise geringer Qualität. "Dies hängt damit zusammen, dass Gründungen im Vergleich zu etablierten Unternehmen über weniger Ressourcen verfügen und mit ihren Produkten oft noch nicht fest am Markt etabliert sind. Dennoch erfüllen Gründungen eine wichtige Funktion am Arbeitsmarkt. Sie geben insbesondere solchen Arbeitnehmern eine Chance, die Schwierigkeiten haben, einen festen Job zu finden", so Prof. Dr. Jörn Block.

Prof. Dr. Sabine Rau analysierte in ihrem Vortrag, welche Faktoren die erfolgreiche Übergabe eines Familienunternehmens über Generationen beeinflussen: "Erleben potenzielle Nachfolger das unternehmerische Verhalten ihrer Eltern oder Verwandten als vorbildhaft, können sie selbst schon in jungen Jahren immer wieder im Unternehmen arbeiten und interessieren sie sich für eine entsprechende Hochschulausbildung, steigen die Chancen, dass das Familienunternehmen auch in der nächsten Generation erfolgreich weitergeführt wird", so die Wissenschaftlerin, die seit Jahren Familienunternehmen erforscht.