Destination: self-employment

Die Zahl der Selbstständigen wird in naher Zukunft vermutlich stagnieren bzw. könnte angesichts des demografischen Wandels sogar fallen. Um dieser Entwicklung zu begegnen, gilt es, die Vorbehalte gegenüber der Aufnahme einer unternehmerischen Tätigkeit zu mildern. Die vorliegende Dissertation argumentiert, dass umfängliche Kenntnisse über die typischen Gründungsmerkmale die Sensibilität für die unternehmerische Tätigkeit im Allgemeinen erhöhen, gründungsaffine Personen zur Umsetzung ihrer Ambitionen bewegen und zudem die Wahrscheinlichkeit für einen Gründungserfolg steigern können.

Von den zahlreichen Möglichkeiten, eine selbstständige Tätigkeit aufzunehmen, legt diese Arbeit den Schwerpunkt auf die Neugründung und auf die Nachfolge in Familienunternehmen durch Familienmitglieder. Beide Wege zählen zu den am häufigsten gewählten Gründungsformen in Deutschland. Aus diesem Grund sind wirtschaftliche Nachteile für die deutsche Wirtschaft zu erwarten, wenn die oben dargestellte Entwicklung eintritt: Sie könnte in einer unzureichenden Anzahl an kompeteten Neu- und Nachfolgegründern münden, und infolgedessen kann die Anzahl vielversprechender Neugründungen stagnieren bzw. zurückgehen oder rentable Familienunternehmen stillgelegt werden.

Die vorliegende Dissertation soll daher einen Beitrag leisten, dem möglichen Rückgang vielversprechender Neugründungen und der unnötigen Schließung von wirtschaftlich rentablen Familienunternehmen zu begegnen, indem die Merkmale, Chancen und Herausforderungen porträtiert werden, die typisch für sie sind.

Um dieses Ziel zu erreichen, wird zunächst die bestehende Literatur in Bezug auf die spezifischen Merkmale der beiden Gründungsformen gesichtet. Unter Zugrundelegung des konzeptionellen Rahmens von William B. Gartner werden die zentralen Befunde dabei systematisch aufbereitet. Bereits im Jahr 1985 hat er neugegründete Unternehmen mithilfe von vier Dimensionen – Umfeld, Organisation, Prozess und Indi-vidualaspekte – beschrieben. Die vorliegende Arbeit verfeinert insbesondere die Erkenntnisse zu der Individual-Dimension im Hinblick auf Unternehmensneugründungen und familieninterne Unternehmensnachfolgen.

Das anschließende Elaborat über Neugründungen beantwortet die Frage, welche in Wissenschaft und Praxis bislang unbeachtete Personengruppe über gründungsrelevante Merkmale verfügt, die sie befähigt, Marktchancen zu identifizieren und die grün-dungsambitioniert sind. Konzeptionelle Überlegungen und empirische Befunde zeigen, dass dies auf Personen zutrifft, die aus beruflichen Gründen eine längere Zeit im Ausland verbringen. Beruflich bedingte Auslandsaufenthalte vergrößern das Spektrum ihrer fachlichen Fähigkeiten und den Umfang ihrer sozialen Kontakte. Diese Faktoren wirken sich wiederum begünstigend auf die Identifikation von Geschäftsideen und – als mediierende Faktoren, ergänzt um berufliche Aussichten – auf ihre Gründungsneigung aus.

Im Zentrum des nachfolgenden Elaborats über familieninterne Unternehmensnachfolgen steht die Frage, welche konkreten Fähigkeiten und Merkmale familieninterne Nachfolger mitbringen sollten, um sie für die Führungsposition im Familienunternehmen zu qualifizieren. Das Anforderungsprofil, das aus einer systematischen Auswertung wissenschaftlicher Literatur hergeleitet wurde, sowie die Interviews, die mit Übergebern und Nachfolgern geführt worden sind, lassen darauf schließen, dass von Nachfolgern sehr umfangreiche und vielfältige fachliche und soziale Kompetenzen erwartet werden.

Am Ende dieser Arbeit steht eine erweiterterte und aktualisierte Fassung des von William B. Gartner (1985) erstellten konzeptionellen Rahmens zur Beschreibung von Unternehmensneugründungen. Die Vielzahl der identifizierten Merkmale, die im Verlauf der vorliegenden Dissertation zusammengetragen werden, sowie ihre rekursiven Beziehungen vermitteln die Komplexität und Multidimensionalität von Gründungsprozessen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass es einen holistischen Ansatz bedarf, um unternehmerische Tätigkeiten umfänglich verstehen zu können.

Darüber hinaus gibt die Gegenüberstellung der typischen Merkmale von Neugründungen mit familieninternen Unternehmensnachfolgen interessante Einblicke über deren Ähnlichkeiten und Unterschiede. Diese Erkenntnisse bieten umfangreiche Informationen über die jeweiligen Chancen, Herausforderungen und gründungsrelevanten Kompetenzen beider Wege in die Selbstständigkeit. Diese Informationen können gründungsinteressierte Personen Hinweise liefern, ob die selbstständige Tätigkeit ihrem Profil entspricht. Darüber hinaus dürfte die Gegenüberstellung insbesondere gründungsambitionierte Unternehmerkinder bei der Abwägung unterstützen, welche Gründungsform besser zu ihren persönlichen Profilen passt, um das Ziel ihrer beruflichen Selbstständigkeit zu erreichen.

Die Ergebnisse fördern insgesamt das Verständnis für Neugründungen und familieninterne Unternehmensnachfolgen sowohl in wissenschaftlicher als auch in praktischer Hinsicht. Die vorliegenden Befunde über die gründungsrelevanten Komponenten und deren Beziehungen untereinander können mitunter als Grundlage für künftige Forschungsarbeiten dienen und in Form von Algorithmen in Softwareprogrammen implementiert werden, um die Wechselwirkung und die Dynamik von Gründungsprozessen computergestützt zu simulieren. Darüber hinaus tragen die identifizierten Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Gründungsformen zur wissenschaftlichen Debatte über die Relevanz des Forschungskontextes bei.

Schlepphorst, S. (2016): Destination: self-employment, Dissertation, Bonn.

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